Weinkenner im 18. Jahrhundert

Nach einem alten jüdischen Witz lautet die höchste Zahl im Alfabet ‚ben gurion‘, diesen Scherz parafrasierte ein ärgerlicher Deutschlehrer, indem er sagte: „So jetzt zitiere ich Goethe. Gegen Goethe kommt in Deutschland niemand gegenan.“ Sprachs und zierte seine Rede mit goethenem Worte. Was also liegt näher, das Frankfurter Bürgersöhnchen auch nach dem Weine zu befragen. Das Ergebnis der Recherche ist eindeutig und ausschließlich in ganz profane Worte zu kleiden: Der Wein dient dazu, den Zustand der Trunkenheit herbei zu führen. Man trinke ihn zum Essen und höre auch hinterher nicht auf zu trinken.
Goethe berichtet aus seiner jugendlichen Zeit, als ihn im Wirtshause die liebe kleine Grete bezauberte. Mit seinen Freunden heckte er beim Wein derbe Scherze aus, bei denen sein dichterisches Talent benutzt wurde. Irgend wann trat das bewunderte Gretchen an ihn heran und las ihm die Leviten und warnte vor der berauschenden Wirkung des Weins. Auf St. Pauli hätten die Wörter wohl geheißen: „Eh Alter sauf‘ nicht so viel und mach‘ nicht so viel Scheiß!“ Wer sich das in gehobenem Deutsche aus dem 18. Jahrhundert anlesen mag, schaue in das erste Buch von „Dichtung und Wahrheit“.
Der Religions- und Naturforscher Goethe stöberte freilich auch in der Herkunft unserer Religionen in Europa herum und fand alle ihre Wurzeln und Riten im alten Persien beim persischen Dichter Hafes. Daher können wir in seinem west-östlichen Diwan ein ganzes Kapitel über den Suff nachlesen. Dem ist im Diwan das „Schenkenbuch“ gewidmet, das nicht einmal vor derlei Empfehlungen halt macht:

Sitz‘ ich allein,
Wo kann ich besser sein?
Meinen Wein
Trink‘ ich allein,
Niemand setzt mir Schranken,
Ich hab‘ so meine eignen Gedanken.

Nun wäre Goethe nicht der alte Kanzleirat, wenn er uns nicht ausufernd erklärt hätte, was er mit alledem zeigen will. Alle monotheistischen Religionen fußen auf dem zoroastrischen Glauben, in dem die vier Elemente  – Feuer, Wasser, Luft und Erde – eine besondere Rolle spielen. Das Feuer galt als besonders rein, die Weinrebe wiederum gilt als das Kind der Sonne, und schwups ist der Wein heilig. Zu Goethens Zeiten entdeckte der Mensch, dass viele Krankheiten, ja Seuchen von unreinem Wasser herrührten. Daher konnten diejenigen Menschen besser überleben, die sich alkoholisierte Getränke, also Bier oder Wein leisten konnten. Wein zu trinken statt verunreinigten Wassers war also ein klassischer Evolutionsvorteil. Warum religiöse Geister den reinen Wein erst in das Blut eines Märtyrers verwandeln müssen, um ihre Priester so zu Menschenblut trinkenden Kannibalen zu verwandeln, erklärt uns der Dichter und Allerklärer nicht.

Gegen Ende seiner Karriere ließ Goethe dann noch einmal sein Jugenderlebnis aufleben. Gretchen sah er nie wieder – welche ein Pfuhl für alle Psychodramatiker – und so ließ er Wilhelm Meister an seiner Neuauflage des Melusinen-Mythos scheitern. Melusine ist im Mythos eine schöne Frauengestalt, deren Unterleib in Wirklichkeit aussieht wie der einer Schlange. Deshalb verbietet die Überirdische ihren Freiern zu mancher Zeit, sie anzusehen. Wie die Männer so sind, kucken sie doch nach und ‚platz!‘ ist die schöne Liebe wieder vorbei. In Goethens ’neuer Melusine‘ gehört zu den Auflagen der Schönen nun eben auch, dass Wilhelm Meister seinen Weinkonsum mäßigen möge. Und wie’s immer so ist in allen Klischees von Mann und Frau, der Olle tut nicht was seine Schöne ihm sagt, und schon ist das alte Trauma vom Herrn Goethe wieder literarische Wirklichkeit geworden.

Wir können als Fazit ziehen: Trinke den Wein gerne auch so lange, bis Du berauscht bist, mäßige aber Deinen Rausch, so dass er nicht Überhand nehme – oder heißt es: nähme?

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